Erster Weltkrieg und Isolationismus

Die "New York Times" berichtet 1915 über den Abschuss des britischen Passagierschiffs "Lusitania", bei dem 128 Amerikaner ums Leben kamen.

USA im 1. Weltkrieg und Gründe für Isolationismus

(Quelle: Stefan Bierling, "Geschichte der amerikanischen Aussenpolitik", Regensburg 2003, S. 73-75)

Die USA zögerten lange, bis sie in den Ersten Weltkrieg eingriffen. Nach wiederholten Provokationen Deutschlands entschied aber Präsident Wilson, an der Seite der Entente-Mächte gegen die Mittelmächte zu kämpfen. Er erhoffte sich damit auch Einfluss auf die Nachkriegsordnung. Weshalb wurde diese Hoffnung aber enttäuscht?

Auch wenn sich die USA zu Beginn des 20. Jahrhunderts aussenpolitisch auf Zentralamerika und Asien konzentrierten, wurden sie allmählich global aktiv. Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs setzten sie zwar lange Zeit alles daran, nicht in diesen Konflikt hineingezogen zu werden. Kommerzielle Interessen, der deutsche U-Boot-Krieg und die überlegene Propaganda der Alliierten veränderten aber langsam die Stimmung zuungunsten Deutschlands, vor allem an der Ostküste der Vereinigten Staaten. Auf die Versenkung des britischen Passagierschiffs Lusitania im Mai 1915, bei der 128 Amerikaner umkamen, reagierte Washington mit scharfen Protesten. Berlin entschuldigte sich, zahlte Reparationen und versprach, künftig mehr Vorsicht hei Torpedierungen walten zu lassen. Präsident Wilson konnte so 1916 im Wahlkampf verkünden, die Interessen des Landes geschützt und es aus dem Krieg herausgehalten zu haben. Selbst als Deutschland am 31. Januar 1917 den unbegrenzten U-Boot-Krieg erklärte, beantwortete er dies zunächst nur mit dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen und der Forderung, die amerikanische Handelsflotte zu bewaffnen. Erst die Versenkung von drei US-Schiffen durch deutsche U-Boote am 18. März 1917 wendete das Blatt. Zwei Wochen später ersuchte der Präsident den Kongress, Deutschland den Krieg zu erklären. Der Angriff auf die USA, so Wilson, mache diesen Schritt nötig; der wichtigere Grund für den Kriegseintritt sei aber, dass er den Vereinigten Staaten erlaube, eine dominierende Rolle bei den künftigen Friedensverhandlungen zu spielen. Am 6. April 1917 folgte das Parlament der Aufforderung des Präsidenten. Amerika war in die Weltpolitik eingetreten.

So sehr Wilson in den ersten drei Kriegsjahren versucht hatte, die Vereinigten Staaten aus dem europäischen Grossmächtekonflikt herauszuhalten, so vehement stürzte er sich nun in ihn hinein. Zunächst musste jedoch eine einheitliche innenpolitische Front geschmiedet werden, schliesslich hatte jeder achte Abgeordnete im Repräsentantenhaus gegen die Kriegserklärung gestimmt, opponierte eine starke sozialistische Bewegung gegen den Eintritt und drohten Spannungen zwischen den europäischen Einwanderergruppen. Der Präsident schuf deshalb eine Propagandabehörde, die den Krieg als Kampf des Guten gegen das Böse darstellte: Die USA verhinderten nun nicht nur die Übernahme Kontinentaleuropas durch eine ihnen feindlich gesinnte Macht, sondern führten einen Kreuzzug der Demokratien gegen die überkommenen Monarchien. Opposition gegen ein solch hehres Ziel sollte moralisch wie praktisch unmöglich sein. Neue Gesetze erlaubten es, mehrere tausend vermeintlich anders Gesinnte einzusperren oder zu deportieren. Die Einzelstaaten und Kommunen unterstützten diese Linie und verboten selbst so unverdächtige Dinge wie deutschen Sprachunterricht und das Spielen deutscher Musik. Viele Amerikaner deutscher Herkunft anglisierten ihre Namen. Aber nicht nur nach innen, auch nach aussen musste mobil gemacht werden, denn Amerika war auf den Krieg schlecht vorbereitet. Zwar konnte die Zahl der Soldaten innerhalb eines Jahres auf fast fünf Millionen Mann verzwanzigfacht werden, aber es standen bis ins Frühjahr 1918 zu wenige Schiffe zur Verfügung, um sie nach Europa zu bringen. Die wichtigste Hilfe der USA für ihre europäischen „Assoziierten“ stellten in dieser Zeit ein 10-Milliarden-Dollar-Darlehen sowie Waffen- und Lebensmittellieferungen dar. Erst im Sommer 1918 kam eine grosse Zahl amerikanischer Soldaten zum Einsatz. Sie entschieden binnen weniger Monate den Krieg.

Wilson leitete aus diesem Erfolg eine zentrale Rolle für die USA beim Friedensschluss ab. Der Frieden sollte getragen werden von den „14 Punkten“, die der Präsident in einer Rede am 8. Januar 1918 verkündet hatte. Seine wichtigsten Forderungen lauteten: Verbot von Geheimabkommen, Abrüstung, Freiheit der Meere, Abbau der Zölle, Beendigung der Kolonialregime, Rückzug der Kriegsparteien aus den besetzten Gebieten, Selbstbestimmungsrecht für „wohldefinierte nationale Bestrebungen“ und Schaffung einer Organisation der kollektiven Sicherheit. Während die Deutschen hofften, die „14 Punkte“ zur Grundlage eines Friedensvertrags machen zu können, beharrten England und Frankreich auf einem scharfen Vorgehen gegenüber dem geschlagenen Feind. Das Waffenstillstandsabkommen vom 11. November 1918 unterminierte Wilsons Friedenskonzept in bedeutenden Punkten: Es gab keine Obergrenze für deutsche Reparationszahlungen, Elsass-Lothringen, das Saargebiet und die linksrheinischen Gebiete gerieten unter französische Kontrolle, und den Territorien der neu geschaffenen Staaten Polen und Tschechoslowakei wurden Gebiete mit mehrheitlich deutscher Bevölkerung zugeschlagen.

Die Eckpunkte des Friedensvertrags waren also schon festgelegt, als der amerikanische Präsident im Dezember 1918 zu den Verhandlungen in Paris eintraf. Seine Position wurde weiter geschwächt durch den Verlust der Mehrheiten seiner Demokratischen Partei in beiden Häusern des Kongresses im Januar 1919. Um seine innenpolitischen Kritiker zu besänftigen, sah sich Wilson gezwungen, die Gründungsakte des von ihm so sehr gewünschten Völkerbunds um nationale Souveränitätsrechte hei der Einwanderung und bei Zöllen zu ergänzen. Im Gegenzug setzten die europäischen Siegermächte ihre Vorstellungen hei Territorial- und Wirtschaftsfragen durch. Auch durchkreuzten sie die Absicht des US-Präsidenten, Deutschland möglichst schnell in Europa zu reintegrieren. Nicht einmal Mitglied im Völkerbund durfte das Land werden. Wilson akzeptierte diese Auflagen in der Hoffnung, er könne im Völkerbund auf ihre Abmilderung hinwirken, wenn der Krieg erst weiter zurückliege. Zunächst musste aber der Senat dem Vertrag, der am z8. Juni 1919 von den deutschen Delegierten im Spiegelsaal von Versailles unterzeichnet worden war, mit einer Zweidrittelmehrheit zustimmen. Diese Mehrheit zu gewinnen, erschien schwierig, aber nicht unmöglich. Nur eine kleine Gruppe harter Isolationisten lehnte den Vertrag rundweg ab. Entscheidend war das Abstimmungsverhalten einer Gruppe enttäuschter Idealisten und skeptischer Realisten. Um Druck auf sie auszuüben, begab sich Wilson auf eine dreiwöchige Werbetour durch die Vereinigten Staaten. Gerade als der Präsident sein Ziel erreicht zu haben schien, erlitt er einen Schlaganfall. Damit fiel er in der entscheidenden Phase der Senatsdebatte als Wortführer der Vertragsbefürworter aus. Schlimmer noch, die Krankheit machte ihn unflexibel und intolerant, so dass kein Kompromiss mit den schwankenden Senatoren gefunden werden konnte. Am 19. November 1919 und nochmals am 19. März 1920 lehnte der Senat den „Versailler Vertrag“ und damit Amerikas Teilnahme am Völkerbund ab. Die Mitwirkung der USA an der Weltpolitik schien ein Intermezzo zu bleiben.